Von Sabine Schwarz

 

 

"Alles Banane"

 

 

Hamburg Marathon, 2010

 

Einen Marathon laufen, 42,195 km am Stück, mein Ziel und vielleicht klappst
ja noch vor dem nächsten runden Geburtstag.

Wenn da nur nicht die ganzen Auskenner wären und mir mit Trainingsplänen und
„langen“ Läufen den Traum in graue Regenwolken packten.

Trainingspläne – wenn ich das Wort schon höre – wie soll dass denn ein
normaler Mensch machen? Habt ihr denn alle keinen Geburtstag zu feiern,
keinen Skiurlaub gebucht und werdet ihr nicht mal krank? Hatschi!

Und schon waren es nur noch 4 Wochen bis zum Start. Jetzt musste ich mich aber sputen. Also gut. Mit Carola lief ich dann Montags-Mittwochs-Freitags meine 12 Kilometer und ließ mich belehren. „Lange Läufe“! Die waren dann sonntags dran und Carola immer an meiner Seite.


Einmal 17 Kilometer, nächsten Sonntag 23 km und last but not least schaffte ich auch noch 27 Kilometer. Was soll denn da noch schief gehen? Das ist doch schon mehr als die Hälfte.

Außerdem hatte ich da ja noch das Geheimrezept von meiner Chinesin Fu Hong: Rindfleischsuppe gibt Kraft! So kochte ich kurzerhand 20 Liter davon. Die Woche vorm Marathon gab jeden Tag einen Teller voll mit Nudeln oder Reis. Nicht nur für mich, auch für Addi, Simone und meine Mutter. Mitgehangen, mitgefangen. Kein Wunder, dass mein Addi den Marathon so liebt.

Dann war auch schon die Abfahrt nach Hamburg am 24.04.2010, 5:56 Uhr auf dem Gleis 4. Nach kurzem Bangen um unseren Anschlusszug in Mannheim nach Hamburg, kamen wir doch recht pünktlich an. Nachdem wir in unserem Motel die Zimmer erkämpft haben (wer hat das eigentlich gebucht?) und in unserem Ballsaal in türkis und braun ausgepackt hatten, ging es zur Startnummernausgabe. Weitab der Innenstadt in einer Speicherhalle gab es die Nummern und – wer hätte das geglaubt, auch noch alles andere, was man braucht, um den Marathon zu bestehen. Hier konnte ich mich informieren. Denn auf der langen Zugfahrt gab jeder preis, was er für Geheimwaffen für das Bestehen des Marathons dabei hatte. Nicht nur bereits getragene Strümpfe wurden vorgezeigt, nein auch neue Spezialtapes wurden noch angebracht. Ich
wurde immer kleiner, ich hatte ja noch nicht mal Kohlenhydrate in Gel-Form dabei, noch sonstige Hilfsmittel. Die Messe bei der Startnummernausgabe war sozusagen meine letzte Rettung. Karin hatte ein Einsehen mit mir und zeigte mir ihre ride-shots. Da staunte ich aber nicht schlecht: Diese kleinen Bällchen gibt’s bei uns zu Hause als Snack vorm Fernsehen …….. deshalb ist mein Adrian auch immer so fit. Na ja, wenn ihr das schon zum Laufen braucht ?! Nehm ich mir halt auch mal 2 Päckchen mit. Was zu Hause geht, kann hier ja nicht schlecht sein. Nunmehr beruhigt, schlief ich nachts wie ein Murmeltier und sprang am Marathonmorgen förmlich aus dem Bett.

Frühstück schon um 6:30 Uhr, damit wir es rechtzeitig zum Start schaffen. Ich probiere auch mal ein Stück Kranzkuchen vom Bernd. Der Kranzkuchen machte mich ruhig und zuversichtlich. Weiß der Teufel, was da drin war. Auf dem Weg ins Startgelände kam Klaus noch mal zu mir. Er sagte mir, dass er mich ja nicht für so ehrgeizig hielt und dachte im Hinterkopf wohl schon daran, dass ich aufgeben würde.

Ich und nicht so ehrgeizig? Was denkt der sich eigentlich? Na, du wirst
schon sehen …….

8:30 Uhr, noch eine halbe Stunde bis zum Start. Sicherheitshalber esse ich eine Banane. Wir singen die Nationalhymne, es ist 9:12 Uhr und ich laufe über den Start. Der Marathon beginnt. Die ersten Kilometer bleibe ich bei Jürgen und der Truppe. Ständig fragt mich eine oder einer, wie es mir geht, ob ich noch kann, ob es mir gut geht. Da glaubte wohl noch jeder, dass ich nicht zu Ende laufe.

Mir kam Michael in den Sinn. Beim letzten Training bekniete er mich noch, dass ich mich nicht überanstrengen solle und wenn es nicht mehr geht, aufgeben soll. Ich hatte es ihm versprochen. Und zu Hause dachten so viele Leute an mich. Viele saßen vorm Fernseher. Ruthchen und Maria hatte für mich sogar eine Kerze angezündet.

Da vorne kommt schon Kilometer 11. Da stehen unsere Winker. Ich braucheFläschchen. Und was macht Jutta? Die steht da rum und fotografiert mich.Wofür habe ich die denn mitgenommen. Na ja, die Fläschchen zum Wechseln sindwenigstens voll und das Foto auch im Kasten. Und weiter geht’s.

Jetzt sind wir schon bei Kilometer 20. Ich habe Hunger. Wir waren ja jetzt auch schon 2 h 15 min unterwegs. Ich esse eine Banane. Die Truppe um Jürgen läuft schneller, da komme ich nicht mit. Anfangs sehe ich sie noch, nämlich bei den Luftballons von 4:45. Diese Zeit konnte ich aber nicht halten. Ich winkte ein Adieu und laufe die nächsten Kilometer alleine.

Dann wartete ich auf den Mann mit dem Hammer. Der kommt immer zwischen Kilometer 28 und 35, sagen die andern. Bei Kilometer 30 sehe ich wieder unsere Winker. Na also. So weit ist es ja gar nicht mehr. Jörg lobt mich. Er sagt, ich sehe noch gut aus und soll in dem Tempo weiterlaufen. Das mache ich. Und wo bleibt nun der Hammermann?

Bis Kilometer 35 war er noch nicht bei mir. Und dann weiß ich ja, wie weit es noch ist: vom Gersheimer Bahnhof zur Fischerhütte Breitfurt und dass schaffe ich. Zwischendurch esse ich wieder ein Stück Banane. Bei Kilometer 37 bin ich schon bei Edgar am Gleis 1, aber trotzdem kommt mir nun jeder Kilometer länger als der andere vor. Bei Kilometer 39 wohnt Wipp in
Bliesdalheim und bei Kilometer 40 stehen wieder die Winker. Ich glaube, die sind froh, als sie mich sehen. Ich winke schon von weitem.

Kilometer 40 bis 41 war eine kleine Steigung. Die meisten gehen nur noch. Ich sprang und überholte einige. Als ich das Ziel sah, war ich richtig stolz auf mich. Ein Polizist rief mir noch kurz vorher zu: Sabine, es ist nicht mehr weit, du hast es bald geschafft. Das motiviert. Genau wie all die
anderen an der Strecke, die dich anfeuern und deinen Namen rufen.

Dann bin ich über die Ziellinie gelaufen und habe gedacht: Ich hab es geschafft. Für alle, die an mich geglaubt haben. Und ich habe es denen
gezeigt, die an mir gezweifelt haben. Als mir der ältere Mann die Medaille um den Hals legte, war ich der glücklichste Mensch der Welt. Auf die Frage, ob ich wieder einen Marathon laufen werden, sagte ich nur: Weiß ich nicht!

Endlich am Buchstaben R, unserem Treffpunkt, wurde ich von unserer ganzen Truppe beglückwünscht. Keiner hatte so recht geglaubt, dass ich es wirklich schaffe. Nur Karin, die hatte schon gleich gesagt, ich wäre ne Kampfsau. So
wie ich mich in diesem Moment gefühlt habe; das war wirklich was ganz Besonderes.

Ich sagte zu Karin, dass ich noch gerne am letzten Stand vorm Ziel eine Banane gegessen hätte, aber die waren mir schon zu braun. Sie antwortete mir nur, ich sollte das nächste Mal schneller sein; als sie vorbeilief waren die
Bananen noch grün ;-).


Das gab mir natürlich zu denken. So langsam war ich doch gar nicht gewesen. Und außerdem sah ich nach dem Marathon noch besser aus als manch anderer. Um diesen Zustand nicht zu gefährden, aß ich sicherheitshalber noch ne Banane.

Beim Abendessen tauschten wir dann unsere Marathon-Erfahrungen aus. Wer hat wann mit was „gedopt“? Klaus konnte es kaum fassen, als er mich fragte, was mein Trick war und ich sagte: Nur vier Bananen.

Auf der Heimfahrt im Zug waren wir fast alle glücklich und zufrieden, dass wir den Marathon geschafft hatten. Und so plauderten wir alle noch ein bisschen aus dem Nähkästchen. Und wer immer schon mal wissen wollte, was Gockelsperma, ne Dildoparty oder der Thermomix ist, der muss halt mal mit zum Marathon fahren.

Zu Hause in Brewadd wieder glücklich als „Marathoni“ angekommen, gab es einen Sektempfang von meiner Schwester um mir zu  gratulieren. Alle waren froh, dass ich gesund wieder zurück war und die ganze Woche über gab es von überallher viele Glückwünsche.


Den nächsten Marathon schaffe ich aber unter 5 Stunden und vor meinem 60zigsten laufe ich in New York. Wenn ich mir mal was vorgenommen habe, ziehe ich dass auch durch.



Liebe Grüße

Eure Sabine



PS:



1.        Rindfleischbrühe gibt’s auch noch die Woche nach dem Marathon
2.        Wenn es unterwegs mal Müsliriegel gibt, braucht man nicht so viele
Bananen zu essen.
3.        Tipps zur Erstellung von Trainingsplänen für Kurzentschlossene sind
bei mir erhältlich
4.        Klaus: Vielleicht solltest du mich als deinen Personaltr

 

Bild: von links Sabine und Evelin